Wer sein Airless-Gerät jahrelang für Dispersionsfarbe eingesetzt hat und zum ersten Mal Spritzspachtel damit verarbeitet, erlebt meist dasselbe: Das Gerät kommt nicht nach, das Spritzbild reißt an den Kanten auf, der Druck bricht ein. Die schnellste Reaktion ist, Wasser in den Eimer zu kippen. Sie ist in den meisten Fällen die falsche.
Spritzspachtel ist werkseitig auf das Spritzverfahren eingestellt. Die technischen Merkblätter der Hersteller sind dabei erstaunlich konkret: Sie nennen Düsengröße, Spritzdruck, Filterbestückung und teilweise auch die zulässige Wassermenge. Wer dort nachliest, statt zu improvisieren, löst viele Probleme, bevor sie entstehen.
Warum Spritzspachtel andere Anforderungen stellt als Farbe
Der wesentliche Unterschied liegt in der benötigten Fördermenge. Innendispersion wird mit vergleichsweise kleinen Düsen verarbeitet. Wagner nennt für Wandfarben beispielsweise Bohrungen um 0,017 bis 0,019 Zoll. Spritzspachtel läuft durch deutlich größere Bohrungen, und die Pumpe muss das entsprechende Materialvolumen auch liefern können.
Wie groß der Unterschied ist, zeigen Durchflussdaten von Graco: Bei 138 bar passieren eine 0,021″-Düse rund 1,8 l/min, eine 0,035″-Düse dagegen rund 5,0 l/min. Entsprechend nennen Materialhersteller teilweise konkrete Mindestleistungen. ALLIGATOR fordert für seine Spritzspachtel geeignete Airless- beziehungsweise Kolbengeräte ab 5 l/min, während Herbol für seinen Airless-Spritzspachtel etwa 4 bis 8 l/min nennt.
Daraus ergeben sich drei praktische Anforderungen:
Kolben- oder geeignete Spezialpumpe: Besonders stark gefüllte und hochviskose Materialien stellen andere Anforderungen als Lacke und gewöhnliche Dispersionsfarben. Für Spachtelmassen kommen deshalb vor allem entsprechend ausgelegte Kolben- und Schneckenpumpen zum Einsatz.
Fördermenge passend zur Düse: Jedes Airless-Gerät besitzt eine vom Hersteller freigegebene maximale Düsengröße. Wird eine größere oder bereits stark verschlissene Düse eingesetzt, kann die Pumpe den notwendigen Materialstrom möglicherweise nicht mehr bei ausreichendem Druck bereitstellen.
Ausreichender Betriebsdruck mit Reserve: 227 bar beziehungsweise 3300 psi sind bei vielen professionellen Geräten die maximale Druckklasse; einzelne Baureihen arbeiten mit höheren Maximalwerten. Der maximale Gerätedruck darf jedoch nicht mit dem tatsächlich benötigten Spritzdruck verwechselt werden.
In dieser Leistungsklasse bewegen sich auch professionelle Airless-Verputzmaschinen von GROG mit Förderleistungen von 6 bis 10 l/min bei 227 bar. Entscheidend beim Vergleich ist nicht die Druckangabe allein, sondern die Kombination aus Fördermenge, Materialeignung und freigegebener maximaler Düsengröße.
Ein Punkt, der in der Kalkulation häufig fehlt: Die Füllstoffe im Spachtel wirken abrasiv. Packungen, Ventile und Düsen verschleißen deshalb schneller als bei gewöhnlichem Farbbetrieb. Dieser Verschleiß gehört zu den laufenden Betriebskosten.
Die Düsengröße – was die Merkblätter vorgeben
Bei der dreistelligen Düsenbezeichnung geben die letzten beiden Ziffern die Bohrung in Tausendstel Zoll an. Eine 535 besitzt beispielsweise eine Bohrung von 0,035 Zoll.
Bei der ersten Ziffer muss dagegen das jeweilige Düsensystem berücksichtigt werden. Graco verwendet sie zur Beschreibung der ungefähren Spritzbreite, während sie bei Wagner mit dem Spritzwinkel zusammenhängt. Deshalb sollte die Düsenbezeichnung immer anhand der Dokumentation des jeweiligen Herstellers interpretiert werden.
Für Spritzspachtel zeigen die technischen Merkblätter je nach Material deutlich unterschiedliche Empfehlungen.
Feine Spritzspachtel werden teilweise mit Bohrungen von etwa 0,023 bis 0,033 Zoll verarbeitet. Bei typischen Spritzspachteln für Innenflächen liegen viele Herstellerangaben ungefähr zwischen 0,035 und 0,043 Zoll. Für gröbere oder besonders hoch aufbauende Spachtelmassen werden teilweise Düsen bis etwa 0,052 Zoll angegeben.
Der Schwerpunkt vieler professioneller Anwendungen liegt damit im Bereich von ungefähr 0,035 bis 0,043 Zoll. Dennoch gilt immer: Die Angabe des Materialherstellers geht einer allgemeinen Empfehlung vor und die gewählte Düse muss gleichzeitig innerhalb der vom Gerätehersteller freigegebenen Maximalgröße liegen.
Der Spritzdruck: höher ist nicht automatisch besser
Weil Spachtelmasse hochviskos ist, wird häufig angenommen, dass grundsätzlich mit maximalem Druck gearbeitet werden sollte. Die technischen Merkblätter zeigen jedoch ein anderes Bild.
Caparol nennt für verschiedene Akkord- und Ratio-Spachtelmassen beispielsweise 150 bis 180 bar. ProfiTec bewegt sich bei mehreren Produkten ebenfalls in diesem Bereich. Für Brillux Neofill 1892 werden 120 bis 160 bar angegeben. Knauf nennt abhängig von Material und Maschine Werte von etwa 100 bis 180 bar.
Die teilweise angegebenen 227 oder 230 bar sind daher nicht automatisch der empfohlene Arbeitsdruck. Häufig handelt es sich um den maximalen Betriebs- beziehungsweise Staudruck des Geräts.
In der Praxis wird der Druck schrittweise erhöht, bis ein gleichmäßiges Spritzbild ohne harte Ränder entsteht. Bleiben die sogenannten „Schweife“ trotz ausreichenden Drucks bestehen, sollte nicht einfach weiter aufgedreht werden. Dann müssen unter anderem Düsengröße, Düsenverschleiß und verfügbare Förderleistung geprüft werden.
So viel Druck wie nötig – aber nicht mehr – bleibt die sinnvollste Grundregel.
Verdünnen: Was die Merkblätter tatsächlich erlauben
Viele Spritzspachtelmassen werden vom Hersteller bereits verarbeitungsfertig eingestellt.
ProfiTec schreibt bei mehreren Produkten ausdrücklich eine unverdünnte Verarbeitung vor. Auch verschiedene Caparol-Produkte werden laut Spritzdatenblatt unverdünnt verarbeitet. Andere Hersteller geben vergleichbare Empfehlungen.
Es gibt allerdings Ausnahmen. Caparol erlaubt bei Akkordspachtel fein für bestimmte Anwendungen beispielsweise eine Wasserzugabe von maximal fünf Prozent. Knauf weist bei Spritzspachtel Plus darauf hin, dass die Verarbeitungskonsistenz bei Bedarf mit Wasser eingestellt werden kann. Bei anderen Produkten ist eine begrenzte Wasserzugabe wiederum nur für den Rollauftrag vorgesehen.
Die richtige Faustregel lautet deshalb nicht „niemals Wasser“, sondern:
Zunächst unverdünnt verarbeiten und nur dann Wasser zugeben, wenn das technische Merkblatt des konkreten Materials dies ausdrücklich erlaubt.
Eine unnötige Verdünnung reduziert den Feststoffanteil und damit die mögliche Schichtdicke pro Arbeitsgang. Außerdem kann zu dünn eingestelltes Material an senkrechten Flächen leichter ablaufen.
Bei einem pulsierenden oder ungleichmäßigen Spritzbild sollte deshalb zuerst die Düse einschließlich ihres Verschleißzustands geprüft werden. Danach folgen Filter, Förderleistung und Druck. Die Materialkonsistenz kommt erst anschließend.
Filter und Schlauch nicht vergessen
Gerade bei Spritzspachtel können Filter einen erheblichen Einfluss auf den Materialfluss haben.
Mehrere Materialhersteller empfehlen für ihre Spachtelmassen, Filter beziehungsweise Siebe aus Gerät oder Pistole zu entfernen. Bei feineren Materialien gibt es jedoch Ausnahmen. Brillux schreibt für Neofill 1892 beispielsweise einen Steckfilter mit 50 Maschen vor. Wagner empfiehlt für bestimmte Spritzspachtelanwendungen wiederum einen gröberen Filtereinsatz und bei besonders grob gefüllten Materialien gegebenenfalls die Verarbeitung ohne Filter.
Auch hier gilt deshalb: Die konkrete Material- und Geräteanleitung hat Vorrang vor pauschalen Empfehlungen.
Beim Schlauch spielt neben der Länge auch der Querschnitt eine Rolle. Ein langer oder für das Material zu kleiner Schlauch erhöht den Druckverlust. Graco empfiehlt bei entsprechendem Druckabfall einen kürzeren beziehungsweise größeren Schlauchdurchmesser.
Professionelle Konfigurationen für schwere Materialien verwenden deshalb häufig größere Hauptleitungen und kombinieren diese an der Pistole mit einer kurzen, flexibleren Schlauchpeitsche.
Die richtige Spritztechnik
Auch beim Abstand gibt es keinen universellen Zentimeterwert für jedes Gerät und jede Düse.
Graco nennt in verschiedenen Anleitungen etwa 25 bis 30 cm Abstand und rund 50 Prozent Überlappung. Wagner nennt je nach Anwendung teilweise 10 bis 25 cm und etwa 30 Prozent Überlappung. Die DGUV führt für Airless-Spritzen verfahrenstechnisch ungefähr 30 cm an.
Entscheidend sind deshalb die Anleitung des eigenen Geräts, die eingesetzte Düse und das verarbeitete Material.
Beim Bewegungsablauf stimmen die grundlegenden Empfehlungen überein: Die Pistole sollte bereits in Bewegung sein, bevor der Abzug betätigt wird. Vor dem Ende der Bewegung wird der Abzug wieder losgelassen. Dadurch wird vermieden, dass am Anfang und Ende jeder Bahn unnötig viel Material aufgetragen wird.
Die Pistole sollte möglichst gleichmäßig und rechtwinklig zur Oberfläche geführt werden.
Verschlissene Düsen rechtzeitig erkennen
Eine verschlissene Airless-Düse ist äußerlich nicht immer leicht zu erkennen. Mit zunehmendem Verschleiß vergrößert sich jedoch die Bohrung. Dadurch steigt der Materialdurchsatz, während das Spritzbild schmaler und ungleichmäßiger werden kann.
Graco empfiehlt einen Austausch unter anderem dann, wenn die Spritzbreite gegenüber einer neuen Düse um ungefähr 25 Prozent abgenommen hat.
Wenn selbst bei ausreichend leistungsfähiger Maschine und angemessenem Druck kein sauberes Spritzbild mehr erreicht wird, sollte deshalb auch der Zustand der Düse überprüft werden.
Reinigung und Sicherheit
Spritzspachtel darf nach der Arbeit nicht im Gerät antrocknen. Die technischen Merkblätter der Hersteller verlangen daher eine Reinigung unmittelbar nach Gebrauch. Gerät, Schlauch, Düse und vorhandene Filter werden entsprechend der Herstelleranleitung gründlich gespült und gereinigt.
Noch wichtiger ist der sichere Umgang mit dem Hochdrucksystem.
Airless-Geräte arbeiten mit Drücken, bei denen der Materialstrahl schwere Verletzungen verursachen kann. BG BAU und DGUV weisen ausdrücklich darauf hin, dass Körperteile niemals vor eine unter Druck stehende Düse gehalten werden dürfen.
Vor einem Düsenwechsel, einer Reinigung oder anderen Arbeiten am System muss deshalb die vorgeschriebene Druckentlastung durchgeführt werden.
Dringt Material durch einen Hochdruckstrahl in die Haut ein, handelt es sich um einen medizinischen Notfall. Eine solche Verletzung kann äußerlich unscheinbar wirken und trotzdem schwere Schäden verursachen. Sie erfordert sofortige ärztliche beziehungsweise chirurgische Behandlung; dabei sollte auch angegeben werden, welches Material verarbeitet wurde.
Je nach Beschichtungsstoff und entstehenden Aerosolen kann außerdem geeigneter Atemschutz erforderlich sein. Maßgeblich sind das Sicherheitsdatenblatt des Materials, die Gefährdungsbeurteilung und die einschlägigen Arbeitsschutzvorgaben.
Fazit
Bei Spritzspachtel hängen Düse, Förderleistung und Druck unmittelbar zusammen.
Die Düse bestimmt, welche Materialmenge durch das System gefördert werden muss und muss innerhalb der für das Gerät freigegebenen Maximalgröße liegen. Der Druck wird nur so weit erhöht, bis ein sauberes Spritzbild entsteht. Reicht das nicht aus, sollten Düse, Förderleistung, Filter und Schlauch geprüft werden, bevor einfach der Druck weiter erhöht wird.
Auch die Verdünnung steht am Ende dieser Fehlersuche und nicht am Anfang. Wasser sollte nur in dem Umfang zugesetzt werden, den das technische Merkblatt des verwendeten Materials ausdrücklich erlaubt.
Wer Materialdatenblatt und Geräteanleitung zusammen betrachtet, die passende Düse verwendet und ausreichend Förderreserve einplant, bekommt Spritzspachtel kontrollierter auf die Fläche – ohne unnötig hohen Druck und ohne die Materialeigenschaften durch vorschnelles Verdünnen zu verändern.

